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In: Dewey, Kilpatrick und „progressive“ Erziehung. Kritische Studien zur Projektpädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2011. S. 193-234. Auszug.


Im Herbst 1920 begegneten sich Ellsworth Collings und William H. Kilpatrick zum ersten Mal. Collings, ein dreiunddreißigjähriger Schulrat aus dem Mittleren Westen, hatte an der University of Missouri studiert und dort den Grad eines Bachelor of Science und eines Master of Arts erworben. Was er nun am Teachers College der Columbia University in New York erstrebte, war die Promotion, mit Kilpatrick, dem populären Erziehungsphilosophen, Projektpädagogen und »Schüler« John Deweys, als Doktorvater. Collings hatte auch schon einen Plan für die Dissertation parat. Er wollte über einen Versuch berichten, den er gerade in seinem Schulbezirk durchführte. Kilpatrick war einverstanden. Er akzeptierte Collings als Doktoranden und den Schulversuch als Thema der Dissertation.

Nach neun Monaten, im August 1921, erschien Collings wieder bei Kilpatrick. Er hatte gerade sein Amt als Kreisschulrat niedergelegt und, ausgestattet mit einem Forschungsstipendium, das Vollzeitstudium am Teachers College aufgenommen. Zur Besprechung brachte er einen neuen Plan mit. Doch Kilpatrick war enttäuscht. »Ich diskutiere mit Collings über seinen Dissertationsentwurf«, schrieb er ins Tagebuch, »und es gelingt mir, zu meiner und anscheinend auch zu seiner vollen Zufriedenheit, [ihn davon zu überzeugen,] dass er an einem trügerischen und nutzlosen Plan arbeitet.« Kilpatrick besprach den Entwurf auch mit dem Promotionsausschuss und der Ausschuss teilte seine Meinung. »Man stimmt zu, seinen neuen Plan abzulehnen und wieder zu dem ursprünglichen Entwurf zurückzukehren. [Collings] ist sehr froh. [...]. [Er] arbeitet entlang der Projektlinie.« Ein knappes Jahr später hatte Kilpatrick die fertige Dissertation in der Hand. Kilpatrick war begeistert. »Er beweist hier genau das, was ich glauben wollte, aber nicht zu hoffen wagte«, notierte er, und nachdem er die Endfassung von Collings’ Dissertation gelesen hatte, fügte er hinzu. »Ich bin froh, sie als Beleg zu haben.«

Was Collings in der Arbeit beschrieb, war ein Unterrichtsversuch, den er als Schulrat an einer Landschule in Bethpage, McDonald County, Missouri, von 1917 bis 1921 geleitet hatte. In dem Versuch ging es darum, die »Demokratie der Kindheit« zu verwirklichen. Die Kinder durften die Fragen und Probleme bearbeiten, die sie beschäftigten. Ihre Interessen und Bedürfnisse bestimmten das Curriculum. Der Lehrer war Berater und Helfer der Kinder. Vorgeschriebene Fächer und Stoffe gab es nicht. Doch Collings berichtete nicht nur, wie die Projektarbeit an der »Versuchsschule« aussah, er legte auch empirische Daten vor, die beweisen sollten, dass die Schüler der Versuchsschule nach vier Jahren in standardisierten Tests weit höhere Leistungen erbrachten als die Schüler zweier traditionell geführter »Kontrollschulen«. Für Kilpatrick bestätigte Collings’ Schulversuch seine Theorie des kindzentrierten Lernens. »Nun kann niemand mehr sagen, dass die Theorie nicht funktioniert«, verkündete er stolz. »Sie hat funktioniert. Ein System, in dem Kinder ihre eigenen Absichten verfolgen, ist möglich. Wir können Fächer und Inhalte als solche außer Acht lassen und Erfolg haben – bewundernswerten Erfolg.«

Collings’ Dissertation wurde im Dezember 1923 bei Macmillan unter dem Titel »An Experiment with a Project Curriculum« veröffentlicht. Sie wurde zehnmal rezensiert, viermal nachgedruckt, in zwei Fremdsprachen, Russisch und Deutsch, übersetzt und von Tausenden von Lehrern in aller Welt studiert – in England, Kanada und Südafrika ebenso wie in Indien, Brasilien und der Sowjetunion. Seitdem hat das Buch nichts von seiner Anziehungskraft verloren. In den Vereinigten Staaten gilt Collings’ Experiment als frühes Zeugnis empirischer Unterrichtsforschung, während in Europa sein Bericht, wie zehn Schülerinnen und Schüler die Ausbreitung von Typhus erforschten und erfolgreich bekämpften, als eine inspirierende Darstellung »entschulten schulischen Lernens« angesehen wird. In Deutschland wurde das »Typhusprojekt« 1927 durch Leopold Huber entdeckt. Unter der, merkwürdigen, Überschrift »Der Daltonplan in der russischen Arbeitsschule« gab Huber in der Zeitschrift Neue Bahnen auf drei Seiten die Beschreibung wieder, die er in einem Buch des sowjetischen Pädagogen Iwan F. Swadkowskij über Helen Parkhursts Konzept der strukturierten Freiarbeit gefunden hatte. Aber allgemein bekannt wurde das Typhusprojekt hier erst 1935 durch Peter Petersen, den Begründer der Jena-Plan-Schulen. Petersen entnahm Collings‘ Buch drei Teile: die Einleitung von Kilpatrick, die Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse und den Projektbericht von Collings. Diese Teile gab Petersen zusammen mit Kilpatricks Projektaufsatz von 1918 und anderen Schriften von Kilpatrick und Dewey in dem Sammelband »Der Projekt-Plan« heraus. Für die deutschen Pädagogen gehört Collings seitdem zu den Klassikern der Projektmethode. Das Typhusprojekt ist für sie das Urbild des Projekts überhaupt. Es ist das Beispiel, an dem Kilpatricks und Deweys Projektkonzept veranschaulicht wird. Es ist das Modell, an dem sich jeder Projektunterricht messen lassen muss.

Doch das Typhusprojekt, wie Collings es in »An Experiment with a Project Curriculum« beschreibt, ist eine Fiktion. Es hat so nie stattgefunden. Die Schüler handelten nicht spontan, sie bestimmten nicht souverän. Die Entscheidungen über Inhalt und Ablauf des Projekts lagen nicht in ihrer Hand. Anders als der Bericht vermuten lässt, ist das Typhusprojekt das Ergebnis eines sorgfältig geplanten Unterrichts. Der Lehrer bereitete die Stunden vor, indem er Stoff und Thema wählte und überlegte, welche Fragen er stellen, welche Diskussionen er anregen, welche Aktivitäten er vorschlagen sollte, damit die Schüler auch wirklich Stoff und Inhalt lernten. An der Legitimität der Lehrpläne, Fächer und Prüfungen zweifelte er nicht. Das »Experiment« in Bethpage verlief in traditionellen Bahnen. Von dem »freien und selbstbestimmten« Lernen, das die deutschen, und die amerikanischen, Autoren fast ein Jahrhundert lang bewundert und nachzuahmen versucht haben, kann keine Rede sein. Collings verklärt die Wirklichkeit und verdreht die Tatsachen. Kilpatricks Projektaufsatz von 1918 bildet, natürlich, nicht die Grundlage für Collings’ Schulversuch von 1917. Das Typhusprojekt liefert nicht den Beweis, dass das Unmögliche möglich und eine Gruppe von neun- bis elfjährigen Schülern von sich aus fähig ist, den Unterricht zu gestalten und die Gesellschaft zu verändern. Wir sind einer Täuschung erlegen. [...]

Die kürzere englische Fassung lautet:

Faking a Dissertation: Ellsworth Collings, William H. Kilpatrick, and the “Project Curriculum”. In: Journal of Curriculum Studies 28 (March 1996), S. 193-222.