Startseite
Aktuell
John Deweys Pädagogik
   Dewey als Pädagoge / Buch
   Dewey, Kilpatrick & Co./Buch
   Deweys Reformimpuls
   Deweys pädagog. Credo
   Deweys Laborschule I
   Deweys Laborschule II
      Laboratory School
      Theory vs. Practice
   Dewey Unterrichtstheorie
   Scheitern der Laborschule
     Dewey as Administrator
   Mayhew/Edwards Dewey-School
   Prinz Heinrich in Chicago
   Dewey + progressive Erziehung
   Dewey + Demokratie
      Education for Democracy
   Dewey + Projektpädagogik
   Dewey + Montessori
   Dewey + Kerschensteiner
   Dewey + social efficiency
   Dewey in Dtl.- Bibliographie
Projektunterricht
   Aus Projekten lernen / Buch
   Handbuchartikel
      Project Method
   Origin of Project Method
   Rezeption der Projektidee
   Kilpatricks Projektmethode
     Kilpatrick's Project Method
   Collings' "Typhusprojekt"
     Faking a Dissertation
   Chronologie USA
   Dokumentation USA
Kurt Hahns Pädagogik
   Lebensdaten
   Reform mit Augenmaß/Buch
   Hahns "Erlebnistherapie"
      Experiential Education
      Thérapie des expériences
      Un internat Allemand
      Thérapie par l'expèrience
   Die vier Elemente
   Hahn-Bibliographie
Progressive Education
   Learning by doing
   Herbart in Amerika
   New Education
Kerschensteiners Pädagogik
  Kerschensteiner-Bibliographie
Odenwaldschule
Gedanken über Erziehung
Wozu ist die Schule da? /Buch
Schloß-Schule Kirchberg /Buch
Jugendlicher Minimalismus
          - - -
Curriculum Vitae
   Veröffentlichungen
   Publications in English
   Publications en français
Sale-Verkauf
Impressum


Rezension Jens Brachmann: Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal. Die Geschichte der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime 1947-2012. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 2015. 703 S., 49,90 €. und Jürgen Oelkers: Pädagogik, Elite, Missbrauch. Die „Karriere“ des Gerold Becker. Weinheim: Beltz-Juventa 2016. 608 S., 58 €.  In: Pädagogische Rundschau 71 (März-April 2017), S. 203-210. 

Landerziehungsheime sind private, weltanschaulich unabhängige, zumeist gymnasiale Internate, die in der Tradition von Hermann Lietz stehen und seit 1898 als Antithese zur wilhelminischen Buch- und Paukschule das Modell einer, je ganz unterschiedlich ausgeprägten, Charakter- und Gemeinschaftserziehung entwickelt haben. Die Hermann-Lietz-Schulen, aber auch die Freie Schulgemeinde Wickersdorf, die Odenwaldschule, das Landheim Schondorf und die Schule Schloss Salem gehörten zu den treibenden Kräften der reformpädagogischen Bewegung und haben mit ihren diversen Konzepten der Schule als aktiven Erlebnis- und Erfahrungsraum namentlich nach dem Zweiten Weltkrieg die bundesrepublikanische Bildungspolitik nachhaltig beeinflusst, vor allem nachdem sie sich zusammen mit etwa zwanzig anderen Internatsschulen zur „Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime“ zusammengeschlossen hatten und sich, vor allem unter der Leitung von Hellmut Becker, als bedeutender und höchst schlagkräftiger Verbund etablieren konnten. Doch bereits in den 1970er Jahren nahm ihr öffentlicher Einfluss ab, nicht zuletzt weil die Kultusminister der Länder begonnen hatten, Gymnasien flächendeckend einzurichten und, ganz im Geiste von Hermann Lietz und seinen Anhängern, das Fächerangebot zu erweitern, die Unterrichtsmethodik zu verlebendigen und die Ganztagesbetreuung voranzutreiben. Zudem gerieten die Landerziehungsheime, wie auch die katholischen Schulen und Internate, zunehmend unter Druck, als sich herausstellte, dass an einem ihrer bekanntesten Institute, nämlich der Odenwaldschule, der Leiter und mehrere Heimerzieher über mehr als ein Jahrzehnt hinweg Kinder und Jugendliche in hohem Ausmaß sexuell missbraucht und ausgebeutet hatten. In dieser Situation verließen sechs wichtige Landerziehungsheime den Dachverband, um sich von dem verantwortungslosen Vorgang zu distanzieren und nicht zusammen mit der Odenwaldschule in den Abgrund gerissen zu werden. Auch die restlichen 15 Schulen sahen die Notwendigkeit einer Neuausrichtung und konstituierten sich 2012 als „Die Internate Vereinigung“.

Noch vor ihrer Verkleinerung und Umstrukturierung beauftragte die Vereinigung Jens Brachmann, seinerzeit Lehrstuhlvertreter an der Universität Erfurt, die 65-jährige Geschichte des Verbandes zu untersuchen und umfassend darzustellen. In der nun vorliegenden 700-seitigen Monographie konnte sich Brachmann auf breites, bisher unerschlossenes Quellenmaterial stützen. Er bekam nicht nur unbeschränkten Zugang zu den Protokollen, Rundbriefen, Korrespondenzen, Bekanntmachungen der Vereinigung, er konnte auch auf Dokumente (aber keine Vorstandsprotokolle und Korrespondenzen) zugreifen, die in den Archiven der Odenwaldschule und der Hermann-Lietz-Schulen lagern, überdies zahlreiche Interviews auswerten, die ihm führende Vertreter der Heimbewegung gewährten. Um es vorwegzunehmen: das Buch ist keine Gefälligkeitsarbeit, sondern eine kritische und faktenreiche Studie, die größte Beachtung verdient. In seiner Studie „Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal“ geht Brachmann die Entstehung und Entwicklung der Vereinigung „mehrperspektivisch“ an.

Im ersten Teil „Daten“ wird zunächst die Geschichte der Landerziehungsheimbewegung komprimiert dargestellt (S. 27-52). Ausgehend von Hermann Lietz‘ Gründung des ersten Landerziehungsheims 1898 auf der Ilsenburg und dem ersten Verbund, in dem sich 1924 zwölf der von Lietz inspirierten Internate  zusammenzuschlossen, beschreibt Brachmann, wie die „Vereinigung der Freien Schulen“ in der NS-Zeit gleichgeschaltet wurde und welche Schwierigkeiten bestanden, sich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zusammenzufinden. Insbesondere Fritz Christiansen-Weniger, dem Oberleiter der Hermann-Lietz-Schulen, war es zu verdanken, dass 1947 die Landerziehungsheime erneut einen Dachverband bildeten, um sich kontinuierlich über Strategien zur staatlichen Unterstützung, zur Schülergewinnung und zur Schul- und Unterrichtsentwicklung zu verständigen. Selbstbewusst definierten sich die bis zu 3500 interne Schüler und die zahllose Tagesschüler beherbergenden Heime als „pädagogische Laboratorien“ und beanspruchten, mit ihrem ganzheitlichen, kind- und handlungsorientierten Ansatz das Vorbild und Muster für die notwendige Reform des öffentlichen Schulwesens abzugeben. Um ihre pädagogischen Vorstellungen zu verbreiten und ihre wirtschaftlichen Interessen (etwa Erlass der Umsatzsteuer, Übernahme der Lehr- und Unterrichtskosten, Befreiung von strikten Lehrplanvorschriften) politisch durchzusetzen, intensivierte der Verband sukzessive seine Arbeit, allerdings mit dem Ergebnis, dass einerseits sich das Staatsschulwesen – auch im Gefolge der gesellschaftlichen Veränderungen der 1960er Jahre – allmählich erneuerte und wichtige curriculare und außerunterrichtliche Anregungen der Landerziehungsheime übernahm (etwa das Kurs- und Oberstufensystem der Odenwaldschule, das Konzept der Dienste- und Erlebnispädagogik von Salem), dass andererseits die Vereinigung die konzeptionelle Vorreiterrolle verlor und sich – unter zunehmender Vernachlässigung der politischen und pädagogischen Öffentlichkeitsarbeit – im wesentlichen auf die Schülerakquise konzentrierte. Anschließend stellt Brachmann jedes der 27 ehemals im Verband zusammengeschlossenen Internate und Landerziehungsheime – von Birklehof, Bieberstein und Holzminden über Kirchberg, Louisenlund und Odenwaldschule bis zu Salem, Schondorf und Spiekeroog – einzeln und, entsprechend ihrer Bedeutung und Eigenart, mehr oder weniger ausführlich in ihrer historischen Entwicklung vor (S. 52-104). Dem folgt eine Übersicht über die Vorsitzenden und Vorstände der genau 65 Jahre bestehenden Vereinigung.

Im zweiten Teil „Personen“ (S. 107-356) befasst sich der Autor, wiederum unterschiedlich intensiv, mit den zwei Frauen und fünf Männern, die der Vereinigung als Vorsitzende dienten: Fritz Christiansen-Weniger (ab 1947), Minna Specht (1952), Fritz Linn (1960), Hellmut Becker (1969), Gerold Becker (1993), Wolfgang Harder (1999) und Erika Risse (2005). Wegen ihrer Wichtigkeit für die Vereinigung nimmt Brachmann außerdem Georg Picht als einflussreichen Ideengeber und Johann P. Vogel als versierten Rechtsberater und langjährigen Geschäftsführer in seine Galerie der herausragenden Persönlichkeiten mit auf. Alle Biographien sind nützlich und aufschlussreich, aber die von Hellmut Becker und Gerold Becker (nicht verwandt) sind für den Aufstieg und den Untergang der Vereinigung besonders interessant. Hellmut Becker, der machtbewusste Rechtsanwalt und Sohn des ehemaligen preußischen Kultusministers H.C. Becker, baute in der Nachkriegszeit ein Netzwerk auf, das den gesamten Bildungs- und Wissenschaftsbetrieb erfasste und das er als Präsident des Volkshochschulverbandes, Mitglied des Deutschen Bildungsrats und Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung eindrucksvoll zur Geltung brachte. Mehr als alle anderen Vorsitzenden wusste Hellmut Becker die Landerziehungsheime wirkungsvoll nach außen zu vertreten. Auch in die internen Belange der Heime griff er nachdrücklich ein, vor allem wenn es um Personalentscheidungen ging. Dass er dabei nicht immer sachgerecht urteilte, offenbarte sich zum Beispiel, als er den 33-jährigen Gerold Becker, einen mit Hartmut von Hentig befreundeten ev. Theologen und Doktoranden, zum Leiter der Odenwaldschule erkor und auch noch seine schützende Hand über ihn hielt, nachdem er wusste, dass dieser allmählich die Schule zugrunde richtete, indem er Unterricht und Erziehung vernachlässigte, ein Klima der Permissivität und Grenzenlosigkeit beförderte und ungeniert unter dem Deckmantel des pädagogischen Eros Jungen seiner Wohngruppe sexuell missbrauchte. Nach sechzehn Jahren verließ Gerold Becker zwar die Schule, wurde aber von Hellmut Becker und Hartmut von Hentig weiterhin unterstützt und mit wichtigen und lukrativen Posten versorgt (Berater des Hessischen Kultusministers, leitender Mitarbeiter am Hessischen Landesinstitut für Pädagogik, Präsidiumsmitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland, Vorsitzender der LEH-Vereinigung). Erst 15 Jahre später gelang es führenden Vertretern der weit über 100 Jungen, die Becker und drei seiner Kollegen missbraucht hatten, die breite Öffentlichkeit über den beispiellosen Skandal zu informieren und Konsequenzen einzufordern. Der Artikel in der Frankfurter Rundschau von 1999 und der gewaltige Mediensturm, der 2010 zum 100-jährigen Jubiläum der Schule losbrach, brachte nicht nur Gerold Becker, die Odenwaldschule und die Vereinigung zu Fall, sie brachte auch Hartmut von Hentig, die Reformpädagogik und die Landerziehungsheime insgesamt in Misskredit.

Der dritte Teil des Buches (S. 357-429) behandelt „Themen und Debatten“, die die Vereinigung im Laufe der Jahrzehnte beschäftigten. Dies waren zum einen die Frage, wie sich die Vereinigung versteht (Werte- und Solidargemeinschaft), wie sie ihr Konzept weiterentwickelt und umsetzt (pädagogische Arbeitsstelle, Lehrerfortbildung, Schulevaluation) und wie sie ihr Selbstbild, ihre politischen Interessen und Erziehungsvorstellungen nach außen kommuniziert (Presse- und Lobbyarbeit, eigene Schriftenreihen). Zum anderen beschreibt und analysiert Brachmann, wie die Vereinigung auf Missbrauchsskandale allgemein und auf den an der Odenwaldschule im besonderen reagierte. Er kommt zu dem Schluss, dass die Vereinigung die möglichen Zeitfenster zur frühzeitigen Krisenbewältigung verstreichen ließ und letztlich komplett versagt habe, weil sie keine Strukturen der Kontrolle und Qualitätssicherung besaß und sich nicht dazu durchringen konnte, ungesäumt an die Öffentlichkeit zu gehen, Verantwortung zu übernehmen und die Opfer um Vergebung zu bitten.

Die übrigen Abschnitte sind dokumentarischer Art. Es handelt sich zum einen um eine detaillierte Chronik der Vereinigung von 1922 bis 2012 (S. 431-477), zum anderen um wichtige Aufsätze, Briefe, Berichte und Stellungnahmen von führenden Vertretern der Landerziehungsheime zur Entstehung, zum Selbstverständnis und zur Selbstbehauptung der Vereinigung (S. 509-703). Eine editorische Notiz und ein Literatur- und Personenverzeichnis runden das Buch ab.

So ist ein faktenreiches Kompendium entstanden, das jeder zur Kenntnis nehmen sollte, der sich für die Geschichte der Reformpädagogik und insbesondere der Landerziehungsheime interessiert. Brachmann kann deutlich machen, dass führende Vertreter der Landerziehungsheimvereinigung ein weites Netzwerk spannten, das über vier Jahrzehnte erstaunlich stark nach außen und nach innen wirkte. Aber ob Hellmut Becker tatsächlich die „Lichtgestalt“ und nach seinem Vater der „zweite große Bildungspolitiker“ des 20. Jahrhunderts war, ob die Vereinigung tatsächlich zeitweise den „Takt“ der bundesdeutschen Bildungspolitik vorgegeben hat und ob die Odenwaldschule tatsächlich der „Leuchtturm“ der demokratischen Schulerneuerung war, sei dahingestellt. Zurecht behandelt Brachmann den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule ausführlich, und zurecht prangert er das Versagen der Vereinigung an, Beckers strafbares Tun und das Krisenmanagement der Schule frühzeitig zu kritisieren und öffentlich zu verurteilen. Doch Brachmann schießt über das Ziel hinaus, wenn er vom Einzelnen auf das Ganze schließt und die Reformpädagogik und Landerziehungsheime insgesamt in Haft nimmt. Er unterstellt eine Homogenität in Theorie und Praxis, die in Wirklichkeit nicht existiert. Die Pädagogik „vom Kinde aus“ sah bei Maria Montessori z.B. ganz anders aus als bei Peter Petersen oder Georg Kerschensteiner. Gleiches gilt für die Landerziehungsheime. Die Gründungsväter, Hermann Lietz, Paul Geheeb, Kurt Hahn etc. hatten, was etwa Koedukation, Sexualität und Erziehungsstil betraf, je eigene Vorstellungen, und die Odenwaldschule unter Gerold Becker unterschied sich in Form und Inhalt substantiell von Salem unter Bernhard Bueb oder von Schondorf unter Rolf Mantler. An der Odenwaldschule herrschte seinerzeit ein Klima der Freiheit und Liberalität, das das Übertreten von Normen und Regeln großzügig erlaubte und das den Erwachsenen den Missbrauch von Macht und Kindern weit leichter und länger ermöglichte als anderswo, nicht zuletzt weil der Leiter selbst involviert und Täter war. Brachmann meint, dass die notwendige Transparenz, Kontrolle und Aufklärung von Missständen an Landerziehungsheimen, überhaupt an allen privaten Bildungseinrichtungen, eher zu sichern sei, wenn die staatlichen Organe ein unbeschränktes Eingriffsrecht bekämen und nicht wegen des Privatstatuts (Angst in die Öffentlichkeit zu gehen wegen des Verlusts von Ansehen, Vertrauen und Einnahmen) in ihrer Aufsichtspflicht unnötig behindert würden. Über die Sinnhaftigkeit eines solchen Vorschlags kann man indes ganz anderer Meinung sein, wie etwa das Beispiel von Niedersachsens VW-Konzern im Abgasskandal und das der staatlich kontrollierten Landesbanken in der Finanzkrise zeigt.

Jürgen Oelkers, Professor Emeritus für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich, hat sich mit „Pädagogik, Elite, Machtmissbrauch“ dem gleichen Themenkomplex zugewandt und ein Buch vorgelegt, das auf 610 Seiten die „Karriere“ von Gerold Becker (1936–2010) nachzeichnet und aufzeigen will, wie „ein Päderast und notorischer Kinderschänder bekannt werden, mehr als vierzig Jahre beruflichen Erfolg haben und bis ins Innerste der Profession gelangen [konnte], ohne Verdacht zu erregen und aufzufallen“ (S. 13). Oelkers schildert die familiäre Herkunft Beckers, seine Schulzeit in Verden, das ev. Theologiestudium in Göttingen, das Vikariat in Linz, seine Anstellung am Pädagogischen Seminar in Göttingen und die damit verbundene sozialpädagogische Jugendarbeit im Haus-auf-der-Hufe. Die Begegnung mit Hartmut von Hentig, der seinem Charme erlag und ihm Arbeit und öffentliche Auftritte verschaffte, war ausschlaggebend für seinen schnellen Aufstieg ins pädagogische Establishment. Ohne die begonnene Promotion fertigzustellen, verließ Becker 1969 Göttingen, aber nicht um seinem Mentor und Freund Hentig nach Bielefeld zu folgen und dessen Laborschulprojekt mitzugestalten, sondern um Leiter der Odenwaldschule zu werden. Nach Oelkers nahm Becker die Stelle freudig an, weil er hier seinen „Zauberberg“ und – in einer Heimschule eng mit Kindern zusammenlebend – die idealen Bedingungen gefunden hatte, um seinen sexuellen Neigungen ungestört nachgehen zu können. Sein Wirken wurde innen und außen höchst unterschiedlich wahrgenommen. Im Lehrerkollegium war Becker wegen seiner mangelnden Führungsqualität und des von ihm befördertem anti-autoritären Klimas – aber nicht wegen seines (unaufgedeckten) Kindesmissbrauchs – heftig umstritten, so dass es bald zu einem Machtkampf kam, aus dem er jedoch mithilfe des Vorstands und der Kündigung unliebsamer Mitarbeiter siegreich hervorging. In der Öffentlichkeit dagegen konnte er sich wegen seines erkennbaren Charismas und weitreichenden Netzwerkes als Redner und Autor einen Namen machen, seine Schule blendend vermarkten und sich als Experte für eine kindgerechte Schule effektvoll profilieren, mit dem Ergebnis, dass ihm auch nach dem Verlassen der Odenwaldschule 1985 wichtige Aufgaben und Ämter zufielen. Bis kurz vor seinem Lebensende war er trotz der Enthüllung seiner pädophilen Aktivitäten und seiner „erstaunlich schmalen Expertise“ – jedoch aufgrund der unverdrossenen Protektion der sog. „protestantischen Mafia“ um Hellmut Becker und Hartmut von Hentig – ein vielbeschäftigter Festredner, Schulentwickler, Bildungsberater, Herausgeber, Schriftleiter und namentlich „Chefideologe“ der Landerziehungsheime, dessen, an sich unoriginellen, sozial- und reformpädagogischen Thesen und Ideen gern gehört und bereitwillig akzeptiert wurden.

Kapitel 6 und 7 seines Buches (S. 280-424) widmet Oelkers den „Pädokriminellen“ und ihren Opfern. Er beschreibt, wie Gerold Becker, Wolfgang Held, Jürgen Kahle, Dietrich Willier und Gerhard Trapp (letzterer bereits von Beckers Vorgänger Walter Schäfer entlassen) die Notlagen von arglosen Kinder ausnutzten, sexuell übergriffig wurden, den Missbrauch schönredeten, die Kinder bestachen, einschüchterten, bedrohten, bestraften, so dass nur Gerüchte, nicht Tatsachen an die Schulöffentlichkeit drangen. Wenn sich ein Schüler zu Zeiten Beckers doch einmal vertrauensvoll an einen Lehrer oder an die Eltern wandte, glaubte man ihm nicht und überließ ihn seinem Schicksal, oder er verließ freiwillig oder gezwungenermaßen die Schule, ohne dass der eigentliche Grund genannt und der Täter zur Rechenschaft gezogen wurde.

Oelkers sieht Beckers Biographie durch tiefe Brüche und überraschende Orts- und Berufswechsel gekennzeichnet, die seines Erachtens dadurch bedingt waren, dass Becker jeweils rechtzeitig erkannte, durch längeres Verweilen drohe sein Kindesmissbrauch aufzufliegen und sein Leben zerstört zu werden. Doch diese These, so plausibel und nachvollziehbar sie auch immer sein mag, kann Oelkers für die Zeit vor Beckers Engagement an der Odenwaldschule nicht durch harte Fakten belegen, genauso wenig wie die Unterstellung, die Reformpädagogik und die Landerziehungsheimbewegung als Ganzes würden sich programmatisch auf den pädagogischen Eros berufen und seien daher unbrauchbar, unheilvoll und kindgefährlich (vgl. vom selben Autor: Eros und Herrschaft. Die dunklen Seiten der Reformpädagogik. Weinheim: Beltz 2011). Auch sein ständiges Insistieren, Hartmut von Hentig sei mehr als andere mitschuldig geworden, weil er mit seiner kindzentrierten Pädagogik eine theoretische „Schutzwand“ für die Verbrechen aufgebaut habe, die sein Lebensgefährte und Freund Gerold Becker als Schulleiter an zahlreichen Kindern begangen hat, irritiert auf die Dauer, denn er kann keinen überzeugenden Beleg beibringen, dass Hentig das platonische Konzept der Knabenliebe übernommen und propagiert hat. Überhaupt ist es ein bemerkenswerter Mangel, dass Oelkers nicht einmal ansatzweise weder den Zusammenhang thematisiert, in dem die Pädophilie historisch und theoretisch steht, noch das kulturelle Klima schildert, das in den 1960er bis 1980er Jahren in der Bundesrepublik herrschte, als die Pädophilie im Rahmen der allgemeinen sexuellen Befreiung Akzeptanz gewann und die Forderung nach ihrer Legalisierung es bis in das Programm einer Partei schaffte.

Wie Brachmann geht auch Oelkers in der Darstellung der Missbrauchsfälle letztlich nicht über das hinaus, was Jürgen Dehmers, Christian Füllers, Tilmann Jens u.a. über die bedrückenden Vorgänge an der Odenwaldschule bereits ausführlich berichtet haben. Im Gegensatz zu Brachmann verzichtet Oelkers jedoch darauf, die Akten und Akteure der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime zu befragen, so dass er die ausschlaggebende Rolle zu wenig beachtet, die Hellmut Becker nicht nur bei der Berufung Beckers zum Schulleiter und später zum Vorsitzenden der Vereinigung der Landerziehungsheime gespielt hat. Ohne Zweifel hat Oelkers, etwa durch Sichtung von Melderegistern und Interviews mit Zeitzeugen, manche Details – und viele nutzlose Nebensächlichkeiten – aus Beckers Leben zusammengetragen, die bisher nicht bekannt waren. Aber es fragt sich schon, ob Oelkers die gebotene Distanz zu seinem Gegenstand bewahrt und durch seine zahllosen unbewiesenen und unberechtigten Annahmen, Andeutungen, Verdächtigungen, die er mit zunächst einmal neutralen Informationen verbindet, nicht die wissenschaftliche Seriosität seiner Arbeit massiv beeinträchtigt. Um nur ein Beispiel zu nennen: wenn Oelkers kritisch feststellt, dass Becker „ohne pädagogische Qualifikation“ und „außerhalb des Personalgesetzes“ vom Hessischen Kultusministerium als Schulleiter akzeptiert wurde, dass er das Gehalt eines Oberstudiendirektors erhielt und von der Schule Umzugs- und Reisekostenerstattungen, Miet- und Verpflegungsvergünstigungen bekam, dann verkennt er die Sachlage gewaltig und skandalisiert Dinge, die für jede Staatsschule und für jedes private Internat gelten und daher nichts mit regelwidriger Privilegierung und ministerieller Komplizenschaft zu tun haben (S. 219ff.). Unangenehm fällt auch die mangelhafte Organisation des Stoffes auf. Oelkers Bericht ist sprunghaft, ausufernd, redundant und daher ermüdend und mühsam zu lesen. Um im Kapitel 2.1 zu bleiben: Warum missachtet Oelkers andauernd die chronologische Reihenfolge, so dass z.B. Beckers Vater habilitiert und gestorben ist, ehe er acht Seiten später, nach Studium, Berufsarbeit und Kriegsdienst, geboren wird? (S. 22, 30) Warum erfährt der Leser vier Mal kurz hintereinander, dass Beckers Vater in Oldenburg Abitur gemacht hat? (S. 24 2x, 25, 30) Wen interessiert es wirklich, wo Beckers Tante Johanna begraben liegt und dass es an der Volksschule Rheinhausen seit 1960 zwei Wohnungen für Lehrer gab? (S. 24, 43) Eine Strukturierung und Reduzierung des Textes auf 250 Seiten sowie ein Verzicht auf das permanente Insistieren, Insinuieren, Spekulieren ohne konkreten Anlass und Nachweis hätte dem Anliegen Oelkers sicherlich besser gedient, um die Umstände und die Vorgehensweisen eines Mannes darzustellen, der einerseits mithilfe seiner mächtigen Freunde eine erstaunliche Karriere machte, andererseits seine sexuelle Disposition auf Kosten vieler ungeschützter Kinder nicht in den Griff bekam.

Seit den Veröffentlichungen von Jens Brachmann und Jürgen Oelkers ist ein Buch erschienen, das man trotz seines gewaltigen Umfangs, seiner Unübersichtlichkeit und Eigenheiten, seiner oftmals enervierenden Akribie und Detailversessenheit nicht außer Acht lassen sollte. Es handelt sich um den dritten Band der Memoiren von Hartmut von Hentig (Noch immer Mein Leben. Erinnerungen und Kommentare aus den Jahren 2005 bis 2015. Berlin: wamiki 2016. 1392 S.). Hentig geht darin, natürlich, auch auf sein Verhältnis zu Gerold Becker, den Kindesmissbrauch und die Reformpädagogik ein. Ausführlich beschreibt er die Medienkampagne, der er ausgesetzt war, und verwahrt sich mit beachtlichen Gründen dagegen, als Propagandist des pädagogischen Eros verunglimpft und als Mitwisser und Mitverantwortlicher der Untaten seines Freundes verurteilt zu werden. Überdies bringt er etwas Licht in bisher unklare Sachverhalte, etwa wenn er den langfristig geplanten Abschied Beckers von der Odenwaldschule, dessen Vorhaben, in die Entwicklungshilfe zu gehen, oder dessen Engagement an der Hochschule Witten-Herdecke thematisiert. Man sollte in Zukunft daher nicht nur die Studie von Jens Brachmann und, sporadisch, das Buch von Jürgen Oelkers heranziehen, wenn man den Komplex Becker–Hentig–Odenwaldschule–Landerziehungsheime–Reformpädagogik untersuchen und aufklären will.