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Leicht gekürzt in: Schloß-Schule Kirchberg 2014 - Die Schloß-Schule wird 100. Kirchberg: Schloß-Schule Kirchberg 2014. S. 90-95.

Erziehung ist ein kontroverses Thema. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen damit gemacht und seine eigenen Vorstellungen darüber entwickelt. Trotz aller Unterschiedlichkeit im einzelnen lassen sich insgesamt drei Grundpositionen ausmachen, die allen Meinungen und Ansichten zugrunde liegen.

Zum einen gibt es die seit Rousseau bestehende, in den sechziger Jahren durch Neill, Summerhill und die antiautoritäre Bewegung populär gewordene Vorstellung von der organologischen Entwicklung. Demnach gleicht die menschliche Entwicklung einer Pflanze. Sie vollzieht sich wie bei einem Samen aufgrund endogener Prozesse und läuft dann am besten ab, wenn sie von äußeren Einflüssen unbehelligt bleibt. Gewiss gelten auch hier Pflege, Ernährung, Schutz als unabdingbare Voraussetzungen, aber eine Erziehung im Sinne absichtsvoller Lenkung und Beeinflussung hat da keinen Platz. „Das Kind nicht in Frieden zu lassen“, schrieb Ellen Key um 1900, „ist das größte Verbrechen gegen das Kind.“ Erwachsene hätten nicht das Recht, der jüngeren Generation Regeln aufzuerlegen oder Vorschriften zu machen. Begründet wird diese Position gerne vulgärwissenschaftlich mit Sigmund Freuds Psychoanalyse. Eltern, Lehrer, Erzieher erscheinen hier als hemmende Faktoren, die schon deshalb zu begrenzen und de facto auszuschalten seien, weil sie Freiheit einschränkten, Frustration erzeugten, Aggression beförderten, Emanzipation verhinderten. Heute beruft man sich gerne auf die Theorie des von John Dewey herkommenden pädagogischen Konstruktivismus. Die Kinder sind demnach „Konstrukteure ihrer sozialen Wirklichkeit“ und „autonome Schöpfer ihrer selbst“. Dank ihrer geistigen Reife und hohen sozialen Kompetenz, die ihnen von Natur aus gegeben seien, wird ihnen frühzeitig zugetraut oder schlankweg zugewiesen, dass sie wie Erwachsene ihr Leben selbst bestimmen und eigenverantwortlich regeln.

Im diametralen Gegensatz zur Vorstellung von der „natürlichen“, selbständigen und selbsttätigen, Entfaltung steht die seit Locke bekannte, ebenfalls in den sechziger Jahren durch Soziologen und Sozialpsychologen verschärfte Vorstellung von der sozial determinierten Entwicklung. Nicht die Erbanlage, sondern die Umwelt sei der entscheidende Faktor, der das Kind beeinflusse und sein Wohl und Wehe bewirke. Seine Einstellungen und Verhaltensweisen, seine Wünsche und Ängste seien sozial vermittelt; und auch Bildung, Beruf und Fortkommen würden allein von den Milieus und Umständen festgelegt, unter denen es aufwachse und mit denen es in Berührung komme. Schon Karl Marx verkündete Mitte des neunzehnten Jahrhunderts dogmatisch, dass „das Sein das Bewusstsein bestimmt“. Aber in letzter Zeit führt man lieber die Sozialisationsforschung ins Feld, die herausgefunden hat, dass weniger die Eltern, Lehrer und Erzieher als vor allem die Freunde, Gleichaltrigen, Massenmedien, Sozialnetzwerke es sind, die das Verhalten der Kinder steuern und die angesagten Normen, Werte und Regeln setzen. Kinder und Jugendliche sind demnach einzig Produkte ihrer Umgebung und Lebenswelt. Wie David Riesman sagen würde, sind sie „außengeleitet“ und folgen den Ansichten, Moden und Mächten, die in ihrem Milieu vorherrschen und die sie quasi schicksalhaft prägen und bestimmen.

In beiden Fällen gibt es keine Erziehung im eigentlichen Sinne mehr. Belehrung, Anleitung, Schulung sind letztlich nutzlos, überflüssig, schädlich. Im Falle der Selbstentfaltung und organologischen Entwicklung bedarf es des äußeren Eingriffs nur als anfängliche Überlebenshilfe. Auch bei der Fremdbestimmung und sozialen Determination geht es nicht mehr um „intentionale“, d.h. um absichtsvolle und auf Zukunft gerichtete Erziehung, sondern nur noch um sog. „funktionale“ Erziehung, d.h. um Sozialisation durch vielfältige gesellschaftliche Kräfte, die gegenwartsorientiert und weder zu beeinflussen noch zu steuern und zu kontrollieren sind. Bemerkenswert ist nun, dass sich in dieser Einschätzung so gegensätzliche Positionen wie die liberalistische und sozialistische Weltanschauung berühren und dass sie sich in ihrer Schlussfolgerung: Erziehung ist wirkungslos und verfehlt – so vollkommen einig sind. Daher ist es auch kein Wunder, dass die These vom „Ende der Erziehung“ zunehmend Anklang und sogar Eingang in die neue Familienpolitik gefunden hat. So unterstützt die Bundesregierung jetzt großzügig „Elternzeit“, in der aber anders als früher – dem sogenannten „Erziehungsurlaub“ – von den Eltern und „Erziehungsberechtigten“ definitionsgemäß nicht mehr unbedingt erwartet wird, dass sie ihre ursprünglich wichtigste Aufgabe wahrnehmen und ihre Kinder erziehen und altersgemäß fördern. Die alte pädagogische Maxime, die Gegenwart des Kindes dürfe nicht allein einer fernen und unsicheren Zukunft geopfert werden, ist weitgehend von der entgegengesetzten Position abgelöst worden: die nahe und lebendige Gegenwart habe absolut Vorrang, denn mehr denn je seien die Kinder durch primäre Erlebnisse, mediale Kenntnisse und virtuelle Erfahrungen reif und sozialisiert genug, selbst für ihre Zukunft und Karriere zu sorgen.

Tatsächlich ist Hermann Gieseckes (oftmals missverstandene) These vom „Ende der Erziehung“ tief in das kollektive Bewusstsein eingedrungen. Viele Eltern, Lehrer und Erzieher betrachten Kinder als kleine Erwachsene, als gleichgestellte Freunde, Kameraden, Partner. Sie sehen keine Veranlassung, erzieherisch tätig zu werden, weil sie vom Sinn einer ziel- und zukunftsgerichteten Verhaltensformung, von ihrer Notwendigkeit und Berechtigung, nicht überzeugt sind. Alle sich als fortschrittlich verstehenden Pädagogen plädieren für den Abschied von den hergebrachten Vorstellungen. Sie fordern: Die Eltern sollen mit den Kindern „Zeit verbringen“, nicht erziehen; die Lehrer sollen die Kinder „beim Lernen begleiten“, nicht unterrichten; die Kindergärten, Schulen, Sozialhilfeeinrichtungen sollen „Angebote machen“, nicht Richtlinien vorgeben und Pflichten einfordern. Der Generationenunterschied spielt in ihren Überlegungen keine Rolle mehr. In einer dynamischen, sich rapide wandelnden Welt, so das Argument, hat die größere Reife und Erfahrung der Erwachsenen keine Bedeutung mehr. Sie wird als unerheblich, unzeitgemäß, entbehrlich angesehen. Der Ausdruck „Erziehung“ ist weithin zu einem Unwort geworden. Von einer „Erziehungsvergessenheit“ zu sprechen, wie Bernd Ahrbeck es tut, scheint heutzutage kaum übertrieben.

Schließlich gibt es noch eine dritte Position und Weltanschauung, die wohl die älteste ist und in der Tradition von Plato, Konfuzius, Comenius steht. Ganz anders als die beiden anderen glaubt sie an die „Macht der Erziehung“. Die Auffassung, mit Erziehung lasse sich im Grunde aus jedem Holze ein Einstein oder eine Madame Curie schnitzen, wurde am radikalsten von John B. Watson, dem amerikanischen Behavioristen, formuliert. „Gebt mir ein Dutzend gesunde, gut gebaute Kinder“, erklärte Watson Anfang des 20. Jahrhunderts, „und meine eigene spezifizierte Welt, um sie sie darin großzuziehen, und ich garantiere, dass ich irgendeines aufs geradewohl herausnehme und es so erziehe, dass es irgendein beliebiger Spezialist wird, zu dem ich es auswähle – Arzt, Jurist, Künstler, Kaufmann, ja sogar Bettler und Dieb, ungeachtet seiner Talente, Neigungen, Fähigkeiten und Herkunft seiner Vorfahren.“ Nach Ansicht der Behavioristen und Machbarkeitsgläubigen in Elternhaus, Schule und Politik sind durch den gezielten Einsatz von Sozial- und Verhaltenstechniken, durch die Bereitstellung von technokratischen Lehr- und Organisationsstrukturen Lernerfolge programmierbar, Erziehungsprobleme vermeidbar und sogar – wie der Psychologe B. F. Skinner in seinem utopischen Roman „Walden Two“ behauptet – gerechte und aggressionsfreie Gesellschaften erzeugbar. Mithin besteht neben der „Erziehungsvergessenheit“ der „Naturalisten“ und „Deterministen“ eine, wie man sagen könnte, „Erziehungssucht“, d.h. der unbändige Drang zu absoluter Verhaltenssteuerung und totaler Kontrolle.

Doch wie immer im wirklichen Leben existieren außer den Reinformen auch Mischformen. Eine davon ist die seit dem Buch von Josef Kraus vieldiskutierte und vor allem in der Mittelschicht beheimatete Form der „Helikopterpädagogik“. Diese Form erzieherischen Verhaltens ist besonders beunruhigend und irritierend, weil sie mit der „Erziehungssucht“ und der „Erziehungsvergessenheit“ zwei gegensätzliche und zudem destruktive Elemente miteinander verknüpft und zu realisieren sucht. Die sog. „Helikoptereltern“ fordern, fördern, reglementieren ihre Kinder ungezügelt. Sie wollen ihr Bestes und sie fit machen für die Welt von morgen. Sie schicken sie früh zum Ballett, Fußball, Geigenunterricht, sie buchen für sie Sprachkurse, Summercamps, Nachhilfestunden, sie begleiten sie zur Schule, Berufsbörse, Universität. Zugleich verwöhnen, behüten, verschonen Helikoptereltern ihre Kinder über die Maßen. Sie wollen ihnen das Leben so angenehm wie möglich machen und ihnen jegliche Anstrengungen, Konflikte, Misserfolge ersparen. Sie schenken ihnen üppig Geld, Zeit und Aufmerksamkeit. Sie sind für ihre Kinder über Handy, iPad und SMS permanent erreichbar. Sie sehen ihnen alles nach und verteidigen sie bedingungslos gegen Erzieher, Lehrer, andere Erwachsene, auch wenn sie etwas angestellt haben und dafür eine angemessene Strafe erhalten und zur Wiedergutmachung verpflichtet werden sollen. Beide Strategien – die autoritäre Erziehungssucht wie die permissive Erziehungsvergessenheit – sind ungeeignet, ja pädagogisch kontraproduktiv.

Tatsächlich braucht man das Buch der chinesischen „Tigermutter“ Amy Chua „Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“ nicht zu Ende zu lesen, um zu wissen, dass der Versuch, Kinder durch Drill, Zucht und Kontrolle nach seinen eigenen Vorstellungen zu formen und zu Höchstleistungen zu führen, oft fehlschlägt, Frustration und Aggression erzeugt und psychische Schäden mit sich bringt. Die „Grenzen der Erziehung“ sind offensichtlich. Wie jede soziale Interaktion, ist auch Erziehung ein komplexer, wechselseitiger Prozess, in dem es dazugehört, dass sich Kinder den pädagogischen Maßnahmen der Erwachsenen entziehen und sich ihren Wünschen und Anweisungen erfolgreich widersetzen. Nicht selten gelingt es ihnen sogar, das Generationenverhältnis umzukehren, ihre Eltern, Lehrer, Erzieher zu übertölpeln und ihnen durch Reden, Schmeicheln und Drohen ihren eigenen Willen aufzuzwingen. Doch die der „Erziehungssucht“ verfallenen Erwachsenen unterschätzen nicht nur die Durchsetzungsfähigkeit und Findigkeit ihrer „Zöglinge“, sie überschätzen auch ihre eigenen Mittel und Möglichkeiten, die Macht der Medien und Gleichaltrigen zu brechen und ihre Kinder, sei es durch Zuckerbrot oder Peitsche, durch Lob, Tadel oder Liebesentzug, auf den Kurs und Lebensweg einzuschwören, den sie selbstherrlich festgelegt haben und durchzuhalten suchen.

Desgleichen braucht man nicht das Werk des deutschen Psychiaters Michael Winterhoff „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ studiert zu haben, um zu erkennen, dass auch die gesellschaftlich dominante „Erziehungsvergessenheit“ ihr Ziel verfehlt und unerwünschte Wirkungen hervorruft. Die Annahme, Kinder könnten auch ohne direkte Einflussnahme der Erwachsenen zu kompetenten und gesellschaftsfähigen Menschen heranwachsen, hat ähnliche fatale Folgen wie die umgekehrte Vorstellung, mit Steuerung, Kontrolle und Sanktionen lasse sich jedes Erziehungsziel erreichen. Indem man Kinder sich selbst überlässt, gewinnen sie weder die Selbständigkeit und Souveränität noch das Selbstwertgefühl, das sie für ein gelingendes Leben so dringend brauchen. Sie verbleiben vielmehr narzisstisch auf sich selbst bezogen und überschreiten ungehemmt und selbstgerecht Grenzen, Gesetze, Konventionen. Kinder werden ja nicht zuletzt deswegen aggressiv, widerspenstig, rücksichtslos, damit sie als Person wahrgenommen, anerkannt, respektiert werden. Durch ihr auffälliges Verhalten wollen sie die Erwachsenen dazu zwingen, ihnen mit Leitbildern, Normen und Werten zu Hilfe zu kommen und ihnen die Orientierung, Erklärung und soziale Sicherheit zu geben, die sie im Grunde ersehnen. Wie bei der „Erziehungssucht“ gefährden die antipädagogischen, aber auch die bequemen, gleichgültigen, mit sich selbst beschäftigten Erwachsenen nicht nur die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder, sie befriedigen auch ihre eigenen Bedürfnisse und Überlegenheitsphantasien, indem sie sich mithilfe ihrer permissiven Ideologie und Gesinnung zum einen als unüberbietbar modern und fortschrittlich betrachten können und zum anderen in der Lage sind, sich mit bestem Wissen und Gewissen von jeglicher Verantwortung und Schuld für das Fehlverhalten der ihnen Anbefohlenen freizusprechen.

Was ist also zu tun, wenn weder die „Erziehungssucht“ noch die „Erziehungsvergessenheit“, weder die „Antipädagogik“ oder „Kuschelpädagogik“ noch die „Kontrollpädagogik“ geeignete Mittel sind, um Kinder zu sozial kompetenten, leistungsbereiten und möglichst glücklichen Menschen zu machen? Festzuhalten ist zunächst einmal, dass es trotz aller möglichen Gegenargumente keinen Grund gibt, auf Erziehung zu verzichten – im Gegenteil: „Der Mensch“, sagt Kant, „kann nur Mensch werden durch Erziehung“ – durch „Disziplinierung“ (Bezähmung der Wildheit), „Kultivierung“ (Vermittlung von Kenntnissen), „Zivilisierung“ (Vermittlung von Manieren) und „Moralisierung“ (Vermittlung von Werten). Natürlich gibt es Grenzen, und eigentlich ist es in der Pädagogik wie in der Medizin. Der Arzt kann Krankheiten nicht verhindern, aber er kann versuchen, durch Prävention und Vorsorge ihr Vorkommen einzuschränken und durch Medikamente und Operationen ihr Vorhandensein zu beseitigen oder zumindest ihren Fortgang zu verlangsamen. Der Erfolg seiner Bemühungen steht oft dahin. Er kann ihn nicht garantieren, nur intendieren. Zudem ist er auf die Mitwirkung und Kooperation des Patienten angewiesen. Auch Eltern, Lehrer, Erzieher sind nicht in der Lage, Leistungen zu erzwingen, Fehlentwicklungen zu verhindern und unerwünschte Verhaltensweisen einfach zu unterbinden. Mithilfe lebensnaher Normen, sinnvoller Regeln und bewährter – und manchmal schmerzhafter – Eingriffe und Maßnahmen können sie jedoch aktiv dazu beitragen, dass die Kinder kooperieren, dass sie die für das Leben in einer unübersichtlichen Welt notwendigen Kenntnisse, Fähigkeiten, Werte, Orientierungen erlernen und dadurch weniger leicht aus dem Ruder laufen und auf die schiefe Bahn geraten.

Kurzum: Wir müssen, mit den Worten von Sigmund Freud, das "Optimum" finden, "wie die Erziehung am meisten zu leisten und am wenigsten zu schaden vermag". Ich plädiere daher für einen Erziehungstil, der auf Liebe, Zuneigung, Wertschätzung beruht und nicht vergisst, dass „Fremderziehung“ der „Selbsterziehung“ vorauszugehen hat. Man könnte von einem „magischen Fünfeck der Erziehung“ sprechen. Die Magie besteht darin, die folgenden fünf, sich teilweise widersprechenden Bedingungen gleichzeitig zu verwirklichen, andernfalls kann sich der Bildungsprozess nicht idealiter vollziehen:

- Beachten des Generationenunterschieds: Eltern, Lehrer, Erzieher müssen ihr größeres Wissen und Können zur Geltung bringen und unbedingt ihre eigene Identität bewahren, ihren persönlichen Freiraum erhalten und falsche Nähe, Identifikation und Anbiederung vermeiden. Kinder wollen nicht, dass die Erwachsenen zu Kindern, sondern umgekehrt: dass sie selbst zu Erwachsenen werden.

- Einüben von guten Gewohnheiten: Eltern, Lehrer, Erzieher müssen die sozialen Umgangsformen durch tägliche Praxis einprägsam vermitteln. Kinder brauchen Führung, Anleitung und Vorbild, damit sie Verhaltenssicherheit erlangen und Normen erlernen wie Regeln und Entscheidungen akzeptieren, für Hygiene und Ordnung sorgen, Vulgärsprache und Provokation unterlassen, Schwachen und Bedrängten beistehen.

- Austragen von Konflikten: Eltern, Lehrer, Erzieher dürfen sich nicht entmündigen lassen, nicht unakzeptables Verhalten tolerieren und bei Meinungsverschiedenheiten kapitulieren. Kinder brauchen die Auseinandersetzung, damit sie Sozialkompetenz gewinnen und Eigenschaften wie Empathie, Toleranz, Rücksichtnahme, Kompromissbereitschaft, Selbstdisziplin erwerben.

- Einräumen von Mitsprache: Eltern, Lehrer, Erzieher müssen Kinder ernstnehmen, ihnen zuhören und ihre Argumente, Vorschläge, Vorhaben bedenken. Soweit wie möglich sollten sie ihren Wünschen und Vorstellungen entsprechen. Kinder brauchen Beachtung, Anerkennung, Teilhabechancen, damit sie Ichbewusstsein, Selbstwertgefühl, Leistungsbereitschaft entwickeln und die wichtige Erfahrung machen können, selbst etwas initiiert und bewirkt zu haben.

- Übertragen von Verantwortung: Eltern, Lehrer, Erzieher dürfen den Kindern nicht alles aus der Hand nehmen und für sie alle Probleme zu lösen suchen. Kinder müssen für ihre Taten selbst einstehen und altersgemäß Aufgaben und Pflichten übernehmen, die sie regelmäßig zu erledigen haben. Dies fördert Selbständigkeit, Mündigkeit, Leistungsstolz, Realitätsbewusstsein.

Revidieren wir also unsere Vorstellungen, sei es von der Ohnmacht der Erziehung, von der Machbarkeit des Menschen oder von der Selbstregulierungsfähigkeit des Kindes. Der sog. „autoritativ-partizipative“ Ansatz ist der Erziehungsstil, der den meisten Erfolg verspricht, weil er die gegenwärtigen Bedürfnisse und langfristigen Interessen der Eltern und der Kinder gleichermaßen berücksichtigt. Sicherlich kostet er viel Kraft, er verheißt aber mehr als alle anderen Konzepte, dass Kinder zu glücklichen Menschen werden. Denn was sagen glückliche Menschen mehrheitlich, wenn sie auf ihre Kindheit zurückblicken? Meine Eltern, Lehrer, Erzieher, sagen sie gemäß repräsentativer Umfragen, waren sehr „liebevoll“, aber auch ziemlich „streng“.